Gruselgeschichten.

Der Zöllner von Neckarelz.

 

Der Nebel kam nicht plötzlich.

Er kroch.

Zuerst nur als feiner Schleier über dem Neckar, dann dichter, schwerer, bis er den Burggraben vollständig verschluckte.

Die Mauern der alten Anlage ragten daraus hervor wie faulige Zähne.

Ende Oktober war es – jene Tage, an denen die Nacht früher kam und der Mond bereits vor Mitternacht blutrot am Himmel hing.

In Neckarelz wusste man:

Wenn der Blutmond aufging, war die Grenze zwischen den Zeiten dünn.

Die Mauern erzählten Geschichten, wenn der Wind richtig stand. Klagen, Wimmern, manchmal das dumpfe Schlagen, als würde jemand von innen gegen Stein hämmern.

Niemand blieb dann draußen. Niemand außer jenen, die es nicht besser wussten.

Das Tempelhaus stand seit Jahrhunderten am Rand des alten Weges. Zu alt für seine Bauweise.

Zu fremd für die Chroniken. Schon in den ältesten Aufzeichnungen aus Mosbach wurde es erwähnt – als sei es damals bereits eine Ruine gewesen. Doch das wahre Grauen lag darunter.

 

 

 

 

 

 

 

Die Krypta.

Ein Ort, den selbst Priester mieden.

Man sagte, sie sei nicht gebaut, sondern freigelegt worden. Als hätte man etwas aus der Erde herausgeholt, das dort nie hätte ruhen dürfen.

Kälte lag dort unten, eine Kälte, die nicht von dieser Welt war. Und Stimmen. Immer Stimmen.

Es hieß, verlorene Seelen seien dort gefangen. Menschen, die niemals begraben wurden. Menschen, die bezahlt hatten – oder nicht.

Denn dann war da die alte Sage.

Der Zöllner.

Er war kein gewöhnlicher Mann. Schon damals, vor über 1200 Jahren, flüsterten Händler seinen Namen nur mit gesenkter Stimme. Er verlangte Zoll für den Weg – nicht im Namen eines Königs oder einer Stadt, sondern im Namen von etwas anderem. Etwas, das tief unter dem Tempelhaus lauerte.

Seine Laterne war sein Zeichen. Ein kaltes, flackerndes Licht, das keine Schatten warf, sondern sie verschluckte. Wer es sah, blieb stehen. Wer stehen blieb, hörte seine Stimme.

„Der Weg gehört mir.“

Die meisten zahlten. Gold. Vieh. Schmuck. Manchmal Dinge, die sie gar nicht bei sich gehabt haben wollten.

Erinnerungen. Versprechen. Blut.

Diejenigen, die sich weigerten, verschwanden.

Keine Leichen. Keine Spuren. Nur ein Geruch von feuchter Erde und kaltem Metall.

Am 31. Oktober 826 geschah es.

Eine seltene Sternenkonstellation stand über Neckarelz. Der Blutmond hing so tief, dass man glaubte, ihn berühren zu können.

In jener Nacht öffnete sich die Krypta. Die Laterne des Zöllners brannte heller als je zuvor – und das Dorf hörte Schreie, die bis zum Morgengrauen anhielten.

Am nächsten Tag fehlten Menschen.

Ganze Familien. Der Weg war leer, der Burggraben rot vom Mondlicht, obwohl kein Blut zu sehen war.

Man versiegelte die Krypta. Man verfluchte den Ort. Man schwieg.

1200 Jahre lang.

Doch Legenden schlafen nicht. Sie warten.

Als sich die Sterne erneut ordneten, genau wie damals, begann der Nebel wieder aufzusteigen. Tiere wurden unruhig. Uhren blieben stehen. Alte Menschen wachten schreiend aus Albträumen auf und flüsterten denselben Satz:

„Er kommt.“

Am Abend des 31. Oktober sah man das Licht.

Eine Laterne im Nebel.

Langsam näherkommend.

Schritte auf dem alten Weg.

Ein leises Klirren, als würden Münzen gegeneinander schlagen.

Die Tür eines Hauses öffnete sich. Dann noch eine. Niemand antwortete auf das Klopfen. Doch der Zöllner klopfte nicht lange.

Denn der Zoll war fällig.

Und diesmal…

würde er alles nehmen.